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ESC-Nachgedanken

Hallo an diejenigen Leser, die mich noch nicht gänzlich für tot erklärt haben und nach dem unfreiwilligen Rück-Umzug des Blogs auch wieder hierher gefunden haben.
In den letzten Jahren hat sich die politische Lage nicht zum besseren gewandelt, und meine nervliche Fähigkeit, mich noch damit auseinanderzusetzen, ebensowenig. Ich bin immer mehr bemüht, das Thema Politik aus meinem Leben herauszuhalten, und abgesehen von gelegentlichen Wahngedanken wie meiner wachsenden Zuneigung für die innerdeutsche Grenzziehung vor 1804 funktioniert das auch einigermaßen (was nicht bedeutet, daß ich nicht zumindest meinen kreuzförmigen Teil Schadensbegrenzung im Herbst betreiben werde).

In diesem Sinne ist meine alljährliche Geschmacksverirrung des Liederwettbewerbs der Eurovision sicher nicht die schlechteste Adresse. Auch meine, berechtigte, Sorge des letzten Jahres, daß ein emotionales Siegerlied über Kriegsleiden zum politischen Vehikel in der Gegenwartsdiskussion wird (was das einzige war, das mir den ukrainischen Sieg etwas verbittert hatte) und eine Veranstaltung, bei der im Vorfeld wie im Ablauf die Lage ihren Schatten geworfen hat, konnten doch letztlich den Abend nicht verderben.

Für diesen Zweck waren stattdessen die drei ukrainischen Moderatoren da.

Wenn ich ein Thema dieses Jahres nennen sollte, dann würde ich noch mehr als sonst sagen, Tolle Sänger, schlechte Lieder. Niederlande, Kroatien, Großbritannien, Deutschland, Irland, insbesondere die Schweiz und diverse andere, die mir gerade nicht einfallen, immer wieder hatte ich das Gefühl, daß großartiges Stimmpotential mit Titeln verschenkt wurde, die bestenfalls belanglos und langweilig waren, häufiger noch nur im Suff erträglich. Ausnehmen möchte ich hiervon nur den spanischen Titel, der passend zur schlechten Liedqualität auch auf schlechte Sänger gesetzt hat, und für den jeder der endgültigen fünf Punkte einer zu viel war.

Etwas geärgert hatte mich die Startreihenfolge, bei der mir klar war, daß alle Titel, die mich reizen, in der vorderen Hälfte gedrängt waren, ich also an der zweiten Veranstaltungshälfte keine Freude haben würde.
Dankenswerterweise war im Finale die Tontechnik etwas besser eingestellt, die in den Halbfinales noch den Bühnenklang in der Hintergrundmusik ertränkt hatte, wodurch man bei einigen Titeln kaum überhaupt die Stimmen oder gespielten Instrumente (das finnische Klavier hat es besonders getroffen) heraushören konnte.

Ansonsten gab es Unmengen an Synthetikpop, für den Länder wie Dänemark oder Griechenland ja schon beinahe berüchtigt sind, Klänge aus der Retorte. Lieder wie die von Israel habe ich schon beim Hören wieder vergessen, und bei Bulgarien war mir nur im Gedächtnis geblieben, daß der Sänger beängstigenderweise nur halb so alt ist wie ich.

Und es gab Salvador Sobral.

Der portugiesische Siegertitel ist einer, für den ich mich schrittweise erwärmen mußte. Im ersten Halbfinale war das Lied, das auch gut auf einer Schellackplatte der 20er seinen Platz finden könnte, noch ein Kuriosum für mich, das nur den Reiz des Paradiesvogels hatte, in den Folgetagen zählte es zu denen, die mir im Gedächtnis geblieben sind (was auch daran lag, daß im zweiten Halbfinale nun wirklich fast nichts war, das ich als hörenswert betrachtete).
Am Finalabend hatte sich der Titel in meine Top 3 geschlichen, hinter die (wie erwähnt leider einfallslosen, aber trotzdem sehr guten) Harmoniegesänge aus den Niederlanden und den atemberaubenden, abstrakten Sinnesansturm aus Aserbaidschan.
Heute, einen Tag nach der Veranstaltung, würde ich überzeugt sagen, das richtige Lied hat gewonnen.
Es ist erstaunlich, wie ein so ruhiges, fast schüchternes Lied so polarisierend wirken kann, aber es ist letztlich eines, das man liebt oder haßt, und etwas anderes als diese beiden Reaktionen habe ich nicht zu sehen bekommen. Ein Stück, bei dem der Künstler für sich singt und eigentlich nur zufällig auf der Bühne steht. Mehr noch als Lena Meyer-Landruths Erfolg vor ein paar Jahren ein Kontrapunkt zur Professionalität.
Spätestens mit der Aussage, daß hier echte Musik über Wegwerfware gesiegt hat, hat sich Sobral meine Sympathie gesichert.

Ich finds toll.

Daß ein solches Lied gerade im Hochglanzwettbewerb ESC europaweit Begeisterung wecken kann, ist einer der Lichtblicke, die noch ein wenig Hoffnung in einer dem Wahnsinn verfallenden Welt lassen.
Vermutlich sollte es mir zu denken geben, daß ich nicht ganz so weit neben dem Massengeschmack liege, wie ich das gewohnt bin. Werd wohl langsam wirklich alt.
Aber ansonsten, Hauptsache das rumänische Jodellied hats nicht geschafft. ;-)

In diesem Sinne, bis in unbestimmte Zukunft an dieser Stelle wieder.

Verbittert, verängstigt, und ausnahmsweise doch mal wieder ein bißchen fröhlich
Euer Politskunk Jerry

14.5.17 23:13


Informationsblase 2013 - eine Kurzchronik

Hallo einmal wieder zu ein paar Zeilen nach und vor langem Schweigen.
Zu Jahresbeginn habe ich den Vorsatz gefaßt, ein kleines Selbstexperiment zu begehen: Ist es möglich, bei einem einigermaßen normalen Tagesablauf das Wahlergebnis zum Bundestag nicht zu erfahren? Das Ergebnis ist gemischt, könnte aber zur Nachahmung oder Wiederholung einladen.

Am fraglichen Wahlabend habe ich meine Zeit mit Tätigkeiten für mich selbst verbracht, in diesem Fall einigen Stunden Konsolenspiel, wodurch es relativ einfach war, Nachrichten jeder Art aus dem Weg zu gehen. Den darauffolgenden Montag habe ich mich bemüht, Gesprächen eher aus dem Weg zu gehen, um nicht mit dem vermutlich allesbeherrschenden Thema in Kontakt zu kommen. Die Bilanz dieses Tages beruht darauf, daß ein flüchtiger Bekannter mir gegenüber seine Unzufriedenheit zum Ausdruck gebracht hat (da ich seinen Standpunkt nicht kenne, keine tatsächliche Information) und ich abends kurz auf der Startseite des Netzlexikons Wikipedia das Bild Angela Merkels gesehen hatte, die ich somit als voraussichtliche Kanzlerin vermute. Der Dienstag hat das erste wirkliche Leck in meinen Panzer geschlagen, als ich im Vorrübergehen einen Radiokommentar aufgeschnappt habe, der auf einen Nichteinzug der FDP ins Parlament hindeutet. Zudem meinte jemand, mir gegenüber erwähnen zu müssen, daß die SPD "Mist gebaut" habe, was mich auf Stimmenverluste schließen ließ. Am Mittwoch kamen keine weiteren Neuigkeiten dazu. Eine weitere kurze Unterhaltung, in der ich das Thema Tagespolitik nicht vollständig umgehen konnte, brachte am Donnerstag anscheinende Bestätigung für das Ausscheiden der FDP, jedoch Verneinung von SPD-Verlusten. Hier führte der Freitag zu weiterem Verständnis, als ich, nachdem ich mich wieder stärker ins deutschsprachige Internet getraut habe, einen Hinweis auf eine CDU/CSU-SPD-Koalition fand. Das folgende Wochenende sowie den Montag darauf konnte ich erneut angenehm informationsfrei gestalten. Am Dienstag habe ich die gesammelten Bruchstücke noch ein wenig im Gespräch vertieft, jedoch ohne weitere hinzuzufügen.
Heute, eineinhalb Wochen nach der Wahl habe ich nun noch das Wissen eingesammelt, daß keine neue Partei den Parlamentseinzug erreicht hat.

Ursprünglich war meine Absicht, zwei Wochen ohne jedes Wissen auszukommen. Das hat nicht ganz funktioniert. Das, was ich stattdessen erlebt habe, möchte ich aber auch nicht als schlecht beschreiben. Information fließt in niedriger Dosierung auf mich ein, nach jedem Schritt habe ich Gelegenheit, das Erfahrene zu überdenken und einzuordnen und mich mit der Möglichkeit, immer im Konjunktiv, auseinanderzusetzen.
Es ist ein Kontrast zu unserer Zeit der Sofortinformation, in der alles sofort zu verbreiten und empfangen ist. Gerade ein Schritt gegen diese Attitüde war meine Absicht und ist erreicht. Ich werde das Tempo beibehalten, irgendwann in den nächsten Tagen vielleicht nachsehen, wer das hiesige Direktmandat gewonnen hat, und mir die prozentualen Ergebnisse in ihrer Gesamtheit noch ein wenig aufheben.

Es ist ungewohnt, und ein wenig Nervosität angesichts der Tatsache, daß da draußen als wichtig zu beschreibende Information ist, die ich mir vorenthalte, habe ich auch empfunden. Nichtsdestotrotz würde ich es wieder tun, vielleicht schon in vier Jahren (bzw. zur Landtagswahl im nächsten Jahr).


Ein paar kleine Anmerkungen abseits des Grundthemas noch.
Ich bin gestern auf ein paar Zeilen zum Thema Wahlenthaltung gestoßen. Persönlich betrachte ich das freie Wahlrecht als wichtig, auch wenn ich es nicht in Form der Nichtwahl praktiziere, und respektiere jeden, der auch versteht, was er da tut. Eine Wahlenthaltung, wie auch die gezielt ungültige Abstimmung, ist zu vergleichen mit den Worten "Schatz, heute machen wir mal, was du willst" in einer Partnerschaft. Es stärkt die Entscheidungsmacht des Gegenübers, in diesem Fall des restlichen Volkes, auf Kosten der eigenen, da man diesem zutraut, die passende Entscheidung zu treffen.
Eine nichtabgegebene Stimme ist eine Stimme für das Wahlergebnis, egal wie es ausfallen mag, und ein Ausdruck demokratischen Vertrauens.
Folgerichtig ist das nach vielen Wahlen zu hörende Argument, daß nur xy% der Bevölkerung für die künftige Regierung gestimmt haben, unbrauchbar. Viel passender ist die Aussage, daß nur yx% gegen die diese Regierung bildenden Parteien gestimmt haben.
Realistisch betrachtet muß man natürlich sagen, daß die Motivation zur Wahlenthaltung meist eine andere ist.

Desweiteren denke ich darüber nach, in ein paar Wochen mal ein paar Zeilen an die dann bestehenden Regierungsfraktionen zu tippen, um die Formulierung für das Bekenntnis zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst abzuschwächen. Ein dauerhaftes aktives Eintreten für die Werte der Verfassung, wie es bislang gefordert wird, scheint mir zu viel verlangt. Die fraglichen Werte zu respektieren und ihnen nicht entgegenzuwirken hielte ich für eine bessere Variante.
Zumindest für diejenigen, die nicht von der eigenen Unfehlbarkeit und ihrer naturgegebenen Verfassungstreue unabhängig eigener Einstellungen überzeugt sind...


Bis irgendwann, vielleicht. Die Jahre haben mich zu müde gemacht, um mich noch ständig geistig und emotional mit Politik auseinanderzusetzen, was den Gehalt dieses Blogs sehr schmälert. Und zudem ist mir mit Lothar Bisky kürzlich mein politisches Vorbild gestorben, und ein weiteres Stückchen Motivation, sich damit zu beschäftigen.

In selbstgewählter Unmündigkeit
Euer Politskunk Jerry
2.10.13 16:10


Still geworden / Medium im Wandel

Hallo nach langer Zeit einmal wieder. Wie man merkt, gibt es hier kaum noch neues zu lesen. In einem radikalen Schnitt im Interesse meiner zunehmend überlasteten Nerven habe ich vor einigen Monaten das Thema Politik und alles, was in engerer Form damit zusammenhängt, aus meinem Leben verbannt. Keine Nachrichten, keine Information über irgendwelche Internetseiten, die sich mit aktuellen Themen befassen, keine Gespräche in diese Richtung. Daß im Mai Landtagswahlen stattgefunden haben, hatte ich noch am Rande mitbekommen, danach ist nur noch ein weißer Fleck. Ich hoffe, ich kann das so beibehalten.
Für diesen Blog heißt das natürlich, daß das abgetippte Material drastisch zurückgeht. Eventuell schade für die ein, zwei Leute, die hier noch regelmäßig auf frische Kost hoffen.

Einen kurzen Gedankengang, der mir gerade durch den Schädel gespukt ist, möchte ich euch aber dennoch noch mit auf den Weg geben.
Vor zwei, drei, vier Jahrhunderten war das Theater das, was man wohl heutzutage mit abwertender Intention als Unterschichtenmedium bezeichnen würde. Die meisten geschaffenen Werke waren unbestritten auf Massenzuspruch aus und verwendeten in großem Rahmen Elemente, die hierauf abzielten. Große Mengen von Gewalt, vorzugsweise im effektreichen Schwert- und Degenkampf, Nacktheit und Sexualität in allen Erscheinungsformen, das fast erzwungene Einbringen einer "komischen Person", flache Handlungen, die die gewohnten Lebenskonflikte bedienten. Das alles gilt nicht nur für fahrende Schauleute, sondern genauso für das Programm in festen Häusern. Einige Klassiker aus heutiger Sicht weisen diese Merkmale reichlich auf (den Verweis auf William Shakespeare kann ich mir nicht verkneifen).
Irgendwann hat sich das geändert. Auch wenn wohl im künstlerischen Metiér vorzugsweise davon ausgegangen würde, daß das gestiegene Niveau den "Pöbel" verscheucht hätte, gehe ich eher davon aus, daß mit dem Abwandern des Publikums (ich würde spontan einen Zusammenhang mit dem großen Aufkommen von Lichtspielhäusern vermuten; falls es schon früher in die Richtung ging, wurde vielleicht anderweitig das Wasser abgegraben) eine Nischenposition gesichert werden mußte, und man das mittels der Schaffung eines hochkulturellen Prestigeerlebnisses zu schaffen gedachte. Die Stehplätze im Parkett wurden abgeschafft, die Preise sicher nicht nur aus finanziellen Erwägungen angehoben und das Programm darauf eingestellt.
Heute ist (wie immer vom Kindertheater abgesehen, das sich seinen klassischen Charakter bewahrt hat) die Theaterlandschaft aufgeteilt in die Aufführung derjenigen älteren Stücke, die heute unverdächtig sind, leichte Kost darzustellen, und Avantgardismus. In beiden Fällen läßt sich der Konsumentenkreis auf spezielle Liebhaber des Themas und Personen, die ihren sozialen Status damit erhöhen oder sichern, beschränken.

Lange Einleitung, kurze These: Ich kann mir vorstellen, das Fernsehen wird die gleiche Entwicklung nehmen.
In Zeiten des Internets verliert das stärkste Medium der letzten drei Jahrzehnte beständig an Zuspruch. Einschränkungen in dem, was und wann man konsumieren kann, stärkere Präsenz von zur Finanzierung benötigter Werbung, die Notwendigkeit, ein zusätzliches Gerät zu besitzen, die geringere Gelegenheit, anbei andere Tätigkeiten auszuüben. Nachteile gegenüber dem jüngeren Medium (das, wie ich anmerken möchte, eines Tages auch durch eine andere Entwicklung überholt wird). Die derzeitigen Vorteile des Fernsehens, Exklusivität und höhere technische Qualität, sind rückläufig und bald keine mehr. Im Gegensatz zum Radio konnte sich beim Fernsehen keine generationsübergreifende Nebenbeikultur entwickeln, die es im großen Maßstab halten würde.
Das Medium Fernsehen als ganzes muß, wenn es auf Dauer bleiben möchte, den gleichen Schritt gehen wie die oben erwähnten Theater (oder um ein neueres Beispiel zu wählen, Schallplattenspieler). Es muß sich zu einer kulturellen Wertmarke entwickeln, deren Konsum für gehobenen Geschmack und Kultiviertheit spricht.
Die aktuell entgegengesetzte Entwicklung durch zunehmend lautstarkes, aggressives Ansprechen von Primärimpulsen ist in diesem Zusammenhang nur eine Übergangsphase, bis bemerkt wird, daß erfolgreiches Überleben so nicht funktioniert. Sie könnte natürlich langfristig Schaden anrichten und den notwendigen Weg zum Erfolg in der Nische erschweren. Trotzdem halte ich es für gut möglich, daß wir noch alt genug werden, das mitzuerleben, und in den Salons der Reichen zum krönenden Abschluß eines Gesellschaftsabends das Röhrengerät warmläuft, um filmische Klassiker (durchaus auch aus der jetzigen Gegenwart) und avantgardistische Kunst zu zeigen.

Das wärs dann mal wieder auf unbestimmte Zeit.
Euer Politskunk Jerry
19.8.12 12:33


Vergeßliches Internet

"Das Internet vergißt nicht", lautet eine Redewendung unserer Tage. Grundlage der Annahme ist der Umstand, daß, in speziellen Caches, Backups oder nicht neubelegten Serverabschnitten, Rudimente alter Netzinhalte bestehen bleiben und somit ein potentiell allgemeiner ewiger Zugriff gewährleistet bleibt. In der bildlichen Vorstellung handelt es sich um das Langzeitgedächtnis des Netzes, das ein wenig von allem behält, was einmal darin war, und durch geringen Datenverfall und Rückholmaßnahmen wenig fehleranfällig ist.
Ein solches Gedächtnis existiert nicht. Daten, und nichts anderes sind sämtliche Informationen des Internets bis zum einzelnen Bildpunkt, sind physisch. Jede Datei braucht einen Ort, an dem sie abgespeichert ist, um abrufbar zu bleiben, einen Datenträger. In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir einen deutlichen Anstieg der Kapazitäten erlebt, der den Bedarf problemlos übererfüllen konnte. Speicherplatz konnte in höherem Maß neu zur Verfügung gestellt werden als er abgefragt wurde, was zu sinkendem Preis und freierer Nutzung führte. Schlüssel hierzu waren neben der vergrößerten Zahl auch neue technologische Verfahren zur effektiveren Speicherung. Letztere Möglichkeit ist nach Profieinschätzung rückläufig; Aufwand und Dauer, eine Verdoppelung der Speicherdichte zu erreichen, steigen. Somit wird eher die quantitative Lösung an Bedeutung gewinnen, der Einsatz von mehr Speichergeräten. Der Kostenanstieg hierbei ist konstant bis leicht steigend, eine Begrenzung auch durch Infrastruktur, Ressourcen und Verschleiß gegeben, wodurch die Wachstumsgeschwindigkeit abnimmt.
Auf der anderen Seite steht die Menge der Daten. Im optimistischen Fall ist diese linear steigend; heute kommt die gleiche Menge Daten ins Netz wie gestern, und morgen wird das auch wieder so sein. Der Umstieg auf größere Formate, begünstigt durch schnellere Verbindungsarten, wie auch intensivere Nutzung, bewirkte auch hier bislang eher einen Anstieg. Gehen wir, wie die Eingangsaussage andeutet, davon aus, daß einige täglich erscheinenden Daten erhalten bleiben und Duplikation stattfindet, ergibt sich ein stetiges Wachstum.
Wir kommen also auf einen wachsenden Bedarf bei potentiell eher stagnierendem Angebot. Die logische Folge daraus ist Verknappung und damit Wertsteigerung. Zunächst drückt sich das im materiellen Wert aus, indem die Zeiten kostenlosen oder kostengünstigen Speicherangeboten ein vorübergehender Luxus sind. Daraus ergibt sich eine ideelle Wertsteigerung, indem ausgewählt wird, welche Dateien notwendig sind und bleiben. Insbesondere der Bereich der kaum mehr aktiv genutzten, archivierten Daten liefert Einsparpotentiale, die in der entsprechenden Lage genutzt werden. Welche Usenetdebatten sind noch von neuhistorischem Interesse, welche Videos aus der Frühphase von Youtube, welche Caches von Fanforen? Und wo wäre der Speicherplatz besser für aktuelle Projekte aufgehoben?
Es wird eine zunächst schleichende Entwicklung, die die Vergangenheit des Internets bereinigt, aber sie wird sich beschleunigen. Genauso wie unsereins seinerzeit die Entscheidung getroffen hat, ob man nun ein altes, nie genutztes Backrezept von der Diskette löscht, um Platz für ein lustiges jpeg zu machen (das dann später wiederum Platz machen mußte), anstatt eine neue Packung zu kaufen, und das Datenjonglieren im Privaten langsam wieder einsetzt, werden sich auch die Tiefen des Netzes nicht als unerschöpflich erweisen.
Mag sein, daß große Seiten und Unternehmen sich länger widersetzen können, aber wir werden es noch erleben, daß Internetseiten nach zehn, fünf, vielleicht sogar drei oder zwei Jahren nirgends mehr in der ursprünglichen Form zu finden sein werden. Das Internet wird seine Vergangenheit zugunsten seiner Gegenwart aufgeben. Um nicht unter Erinnerungen bis zur Bewegungsunfähigkeit begraben zu werden, wird es dement.
Natürlich ist das jetzt kein Aufruf, peinliche Begebenheiten bedenkenlos zu hinterlassen. ;-)

Das alles würde nicht mehr gelten, sofern gänzlich neue Speichertechnologien eröffnet werden. Der Umstieg vom maschinellen zum biologischen Konzept dürfte eine längere Pause im Trend bieten, und die Erreichung tatsächlich virtueller Speichermethoden würde jedem diesbezüglichen Mangel ein Ende bereiten. Aber das klingt mir dann doch alles zu sehr nach Science Fiction.

Noch ohne übergroße Gedächtnislücken (glaube ich), Euer Politskunk Jerry
28.5.12 11:38


Brot und Spiele

"panem et circensis" gilt der Redewendung nach als Grundlage einer erfolgreichen Regierung, die Bereitstellung von, der römischen Herkunft des Worts nach, Brot und Zirkusspielen, um die Bevölkerung ruhig und zufrieden zu halten und somit ernstere politische Angelegenheiten ohne weitere Einmischung handhaben zu können. Die Aussage wird häufig mit Kritik verbunden, da eine Einbeziehung der Bürger in Entscheidungen, und damit auch zumindest das Vermeiden von ablenkenden Faktoren, als wünschenswert gilt. Liegt hier wirklich ein Problem vor?

Die Prämisse beinhaltet zum einen, in der Metapher des Brotes, die Gewährleistung primärer Überlebensbedürfnisse, ob hinreichend oder zufriedenstellend liegt in der Interpretation. Das beinhaltet natürlich die Ernährung, desweiteren auch Unterkunft, Gesundheit (soweit möglich), Sicherheit z.B. in Form von Frieden, genügend Erholung, eventuell Sexualität, usw.
Zum anderen haben wir das Bild der "Spiele". Lösen wir das von der sich geistig aufdrängenden niederen Zerstreuung (wie etwa in Form von Pferderennen), öffnet sich auch hier ein weites Feld, das sich im großen und ganzen unter "Erfüllung" oder "Glück" zusammenfassen ließe. Welche Launen und Vorlieben zu diesem Punkt führen, ist individuell weitaus verschiedener, ob nun Liebe und Freundschaft, der Erwerb von Wissen, das Nachgehen einer bestimmten Beschäftigung in Freizeit oder Beruf, Kontakt zu Landschaft und Tier, und unzähliges mehr.

Betrachten wir Politik, nicht nur auf Ebene der Verwaltungsträger, sondern auch von Seiten der Bürger, finden wir bei beinahe allen Forderungen und Umsetzungen etwas vor, das in einen der beiden Bereiche führt. Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen "Brot und Spielen" auf der einen Seite und einem aufgeklärten Geist, der darüber erhaben ist auf der anderen, sondern zwischen den Unteraspekten. Unzufriedenheit resultiert daraus, daß man Gewichtungen nicht teilt (wenn man auf aktuellere politische Punkte abzielt, ließe sich sagen, daß ein eher etatistisches Schema, wie bei CDU und Linke, stärker auf "Brot" aus ist, ein liberales, wie bei FDP und Piraten, mehr auf "Spiele".
Wo das Volk regiert, auch in direkter Form, strebt es nach "Brot und Spielen"; andere Ziele gibt die menschliche Natur einfach nicht vor. Was nun unterscheidet das von einer Autokratie, in der beides in gutem Maß geliefert wird? Vermutlich nur der Wille zur Selbstherrschaft und die Überzeugung, es besser zu können.

Das Gegenteil von Brot und Spielen sind Elend und Verzweiflung. Das klingt vermutlich auch für diejenigen, die das Konzept zu kritisieren glauben nicht besser.
12.5.12 11:00


Bin dagegen

Hallo einmal wieder, nach längerer, schon wieder viel zu langer Zeit. Gemäßigter Heavy Metal dröhnt in meinen dreieinhalb Wänden und bietet den Anstoß, ein paar überfällige Zeilen zu tippen.
Wie ich schon ein paar mal auch hier im Blog erwähnte und aus meinen Ausführungen ohnehin ersichtlich wird, neige ich zu Nonkonformismus, schon beinahe auf eine zwanghafte Weise und ungebremst von Vernunft oder Verstand. Ich passe mich an mein Umfeld an, indem ich mir auf die Schnelle ein Gefühl verschaffe, welche Standpunkte, Sichtweisen und Vorlieben dominieren und mich instinktiv gegen diese stelle oder sie zumindest stark relativiere, wo meine paar Überzeugungen nicht mehr zulassen. Konsistenz ist mir da zweitrangig, ich kann ohne Gewissensbisse in verschiedenen Umgebungen komplett entgegengesetzte Meinungen vertreten und tue das auch. Noch lustiger wird die Sache natürlich, wenn ich es tatsächlich schaffe, die Meute, in der ich mich aufhalte, zu überzeugen, da daraus natürlich sofort eine neue Situation entsteht, gegen die es sich zu wenden gilt.
Eine Anekdote über Sokrates sagt, daß er seine Zuhörer von einer These mit unwiderlegbaren Argumenten überzeugte, und als das geschafft war, eine genau umgekehrte mit ebenso guten Argumenten vorlegte bis er sie durchgesetzt hatte. Er tat das, der Geschichte nach, um zum Nachdenken anzuregen über unumstößliche Wahrheiten und die Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen. Bei mir läuft das, rhetorisch natürlich weit weniger gekonnt, reflexhaft ab.

Teils bringt das seine Vorteile, indem es mich vieles hinterfragen läßt. Zu einem größeren Teil stört es. Zumindest gedanklich stehe ich fast permanent mit irgendjemandem in Diskussion, was dem auch bei mir vorhandenen Harmoniebedürfnis (das mir einige, die mich kennen wohl nicht zutrauen würden) nicht gerade hilft. Weiß man von dieser Eigenschaft, werde ich ausgesprochen berechenbar und genauso zu einem Herdentier wie diejenigen, von denen ich mich jeweils abzugrenzen bemühe, vermutlich noch mehr. Eine wirkliche eigene Meinung habe ich nur zu wenigem, auch wenn ich mehr äußere. Und selbst diese, wie auch diverse Vorlieben (bei manchen Künstlern oder Fernsehsendungen habe ich den Konsum eingestellt, weil sie für meinen Geschmack zu bekannt wurden) fallen der Marotte zum Opfer.

Ein weiteres Problemchen wurde mir gerade eben wieder bewußt. Der Drang nach Freiheit, Unabhängigkeit, Eigenständigkeit scheint derzeit einmal wieder stärker in der Gesellschaft ausgeprägt, zumindest ist das mein Eindruck. Man selbst zu sein, sich nicht dem Mainstream anzupassen, eben anders zu sein... Ich möchte fast behaupten, daß diese Einstellung zu einer Art Trend wird. Folgerichtig überkommt mich das Bedürfnis, mich dagegen aufzulehnen. Das wiederum bedeutet, zu einem sich unterordnenden Gemeinschaftsteil zu werden, sich zu einem Teil der Masse zu machen und anzupassen. Gerade die hier gerade laufende Musik aus dem Metal-Genre, deren Lyrik so oft auf Rebellentum und Freiheit abzielt, hinterläßt das Verlangen, zu einem stummen Rädchen in der Maschinerie zu werden, um mich der Masse zu widersetzen.
Nonkonformistischer Konformismus? Rebellisch mit dem Strom schwimmen? Und was, wenn ich die Protestkultur als zentralen Aspekt erkenne, an den ich mich anschließen muß, um mich von ihm zu distanzieren?
Ich bin so langsam in einem Logikzirkel gefangen, aus dem ich eine Ausbruchsmöglichkeit finden muß.

Alle Kreter lügen, Euer Politskunk Jerry
30.4.12 19:15


Konzeptvorschlag Chartradio 71

Da ich weiterhin gelegentlich gezwungen bin, im Rahmen meiner täglichen Tätigkeiten die Beschallung durch Nullachtfünfzehnsender, die ihr dem Normgeschmack angepaßtes Programm vortragen, erdulden zu müssen, kam mir heute der Gedanke, das Konzept ein wenig umzugestalten.
Derzeit ist es bei Sendern für Populärmusik ja weitgehend so, daß ein monatlich gekaufter Sampler mit aktuellen Titeln der Hitparade, durchmischt mit ein paar "zeitlosen" oder wieder aktuellen Stücken, im Dauerlauf gespielt wird. Die Betonung auf die aktuellsten Hits, mindestens im Rahmen der Top 20, scheint hierbei von besonderer Bedeutung, schon allein, um die (markenrechtliche) Berechtigung zu besitzen, sich als Chartsender oder ähnliches zu bezeichnen.
Krempeln wir das nun einmal um, kommt vielleicht auch ein unterhaltsames Produkt dabei heraus, vielleicht sogar besser als der Mist, der bislang die Frequenzen verstopft. Wir nehmen eine beliebige Zahl im zweistelligen Bereich, vorzugsweise eine höhere, und verknüpfen das mit dem Slogan:
"Wir spielen Platz xx (in meinem Fall habe ich mich für die 71 entschieden) der aktuellen Charts. Aller aktuellen Charts!"
Ich nehme an, es gibt ungefähr 100 bis 150 offizielle nationale Musikranglisten, womit die Zahl der Titel sich nicht wesentlich von derjenigen unterscheiden sollte, die heutzutage in der Regel verwendet werden. Zudem läßt sich auch auf weitere Szenelisten zurückgreifen. Massentauglichkeit sollte angesichts der Tatsache, daß alle Titel chartnotiert sind, gegeben sein, allerdings ebenso ein Maß an Abwechslung, das ansonsten doch eher zu vermissen ist, wenn man sich auf Titel beschränkt, die in Deutschland schon hohe Bekanntheit haben und auf den hiesigen Geschmack genormt sind. Zudem sind Doppelungen bei höheren Nummern nicht zu wahrscheinlich.
"Von Abchasien bis Zypern - Platz 71"
Der Erwerb der Musiktitel selbst sollte in Zeiten digitaler Vernetzung relativ schnell zu schaffen sein, auch bei Ländern mit weniger starker Infrastruktur. Wie es mit den Rechten zur Ausstrahlung aussieht, weiß ich weniger, glaube aber, daß sich auch dafür ein System im Rahmen der GEMA finden läßt, das einen relativ aktuellen Sendebetrieb zuläßt.
Die Moderation könnte man als zusätzliches Gimmick und zur Senderidentität hin und wieder zweisprachig gestalten, etwa wie bei der Sendung mit der Maus. Kurze Erläuterungen zum Liedinhalt bei ungewohnten Sprachen bieten sich natürlich an.

Ich weiß nicht, ob die Idee praxistauglich ist. Viel schlimmer als die Gegenwart kann sie andererseits aber auch wieder nicht sein. Vielleicht gebe ich sie mal an ein paar Öffentlich-Rechtliche weiter.
13.4.12 23:00


Sprit alle?

Hallo mal wieder nach gewohnt langer Pause. So sehr ich mich darum bemühe, noch kann ich die allgemeine Berichterstattung nicht gänzlich aus meinem Leben ausblenden, die in Nachrichten und ähnlichem vermittelt wird. Aus derart aktuellem entwickelt sich dann auch leicht ein leiser Mailverkehr an die Institutionen der Republik.
Gegenwärtig scheint mir unter anderem der saisonal bedingt hohe Benzinpreis eine Rolle zu spielen, bei dem die gesellschaftlichen und politischen Instanzen darüber diskutieren, wie er kompensiert oder kontrolliert werden könnte, um unseren gewohnten Lebensstandard beizubehalten. Jenseits des Oligopols im Mineralölbereich und der unsinnigen Äußerung mancher, daß die aktuelle Entwicklung nicht auch nachfragebedingt sei, drängt sich mir aber auch ein anderer Gedanke auf.
Die Rohstoffe unseres Planeten reichen nicht ewig, und gerade beim Erdöl, das der vorrangige Treibstofflieferant ist, ist ein Ende der Ressourcen ziemlich bald absehbar, ob nun in dreißig oder fünfzig Jahren. Alternative Antriebssysteme für PKWs sind in Arbeit, aber wohl nicht vollständig in der Lage, diesen Wegfall zu kompensieren (Elektronik und damit verbunden Wasserstoffmotoren brauchen Energie, die, da Kohle und Erdgas auch nicht ewig halten, phasenweise etwas wertvoller werden könnte, Solartechnologie für Autos scheint noch nicht ausreichend). In meinen Augen heißt das, daß wir uns von dem in den letzten Jahrzehnten zur Gewohnheit gewordenen Umstand der allgemeinen Motorisierung zumindest zum Teil verabschieden dürfen.
Hier kommt, besonders für dünner besiedelte Regionen wie in Norddeutschland, ein dramatischer Strukturwandel auf uns zu, der, wenn keine Vorbereitungen getroffen werden, einige abgelegene Gebiete durchaus die Lebensfähigkeit kosten kann. Mobilität wird verringert, tägliche Wege von fünzig oder mehr Kilometern sind kaum noch möglich. Die regionale Eigenversorgung gewinnt an Bedeutung, ebenso die Möglichkeit, wohnraumnah zu arbeiten. Die soziale und kulturelle Veränderung, die daraus erwächst, sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden.
Wir können uns, wie es weite Teile der Gesellschaft einmal wieder fordern, einem stupiden "Weiter so" hingeben, an dessen Ende der eine oder andere noch lang genug lebt, um die Überraschung mitzubekommen, oder uns schrittweise auf die Veränderungen einstellen und uns bemühen, sie erträglich zu gestalten.
Eine Verringerung des Mobilitätswahns unserer Gesellschaft wäre ein Schritt in diese Richtung, indem es eben nicht länger als normal hingestellt wird, heute in Kiel, morgen in Passau tätig zu sein, und dies auch nicht länger gefordert wird. Das gelegentlich erbetene Umsteigen auf Bahn und ÖPNV ist ein anderer Aspekt, der stärkerer Durchsetzung bedarf, wobei der Druck auf diese Betriebe einer deutlichen Erhöhung bedarf, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden - und sofern dies in privatem Besitz nicht möglich ist, wird die Vergesellschaftung eben nötig. Und Wege von einem oder zwei Kilometern sollte eigentlich jeder, der nicht mit Benachteiligungen zu leben hat, problemlos zu Fuß schaffen.
Stärkere Einschränkungen beim Ferntransport von Waren sind ebenfalls etwas, das allmählich fällig wird.

Ein erhöhter Benzinpreis ist nicht nur ein Problem (was es bei individuellen Verpflichtungen natürlich auch sein kann), sondern auch eine Chance, alte Gewohnheiten zu überwinden. Genau dafür sollten wir diese Tage nutzen.
Und nebenbei schadet es auch nicht, wenn mal ein bißchen weniger von dem Zeug aus den Auspuffs kommt.

Ungewohnt ökologisch, Euer Politskunk Jerry


P.S.: Aus dem bedauerlichen, aktuellen Anlaß streunender Lynchmobs und gesellschaftlichen Hasses, ein Verweis auf einen älteren Artikel.
3.4.12 22:25


Vorschlag für Todessehnsüchtige

Mir fällt gerade auf, daß ich hier schon eine Weile nichts mehr geschrieben habe, und somit nehme ich einfach mal den ersten wirren Gedanken, der mir durch den Schädel wandert. Angesichts der Tatsache, daß bei mir nebenbei gerade Viking-Metal im typisch blutrünstigen Stil dieser Richtung läuft, bietet sich das schon einmal an.

Entsprechend spukt mir gerade die Vorstellung durchs Hirn, mich in einer Runde Rechtsextremer, eventuell auf einem Szenekonzerte, aufzustellen, und die folgende Aussage anzubringen:
"Wikinger kann man sich ungefähr so vorstellen wie Juden. Ein Volk, das vorrangig von Handel lebte, mit sehr starkem Geschichts- und Gemeinschaftsbewußtsein, mit eher geringer Ortsbindung. Ein Volk, das im europäischen Bewußtsein besonders durch seine expansiven Phasen hängengeblieben ist und dem jede Brutalität und Gemeinheit zugetraut wurde, auch nachdem die schon lange Vergangenheit war. Kulturen, die die Christianisierung besonders hart getroffen hat. Hättet ihr etwas dagegen einzuwenden, wenn ich zukünftig von 'Nordjuden' spreche?"

Historisch besehen ist das nicht direkt falsch, auch wenn ich zahlreiche Aspekte ausgelassen habe. Derartige Vergleiche kann man zwischen so ziemlich allen nationalen und kulturellen Stereotypen ziehen, und davon, daß diesen Stereotypen kaum jemand vollkommen entspricht und unsereins sich noch näher ist, kommt noch dazu. Die Trennung zwischen Ländern ist eine künstliche, geschaffen durch Sozialisation und von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Nationalismus und Demokratie, die siamesischen Zwillinge des siebzehnten Jahrhunderts, mit denen wir bis heute zu kämpfen haben.
Und wer mein Gedankenspiel umsetzt, liegt als Opfer dieses Wahns mit eingeschlagenem Schädel.
19.3.12 19:39


Schurkisch

Das Leben gibt mir, wenn auch sonst nicht viel, Zeit zum Nachdenken in diesem selbstgeschaffenen Kerker, den ich in seltenen helleren Momenten mein Zuhause nenne. Manchmal, auch wenn ich es zu vermeiden versuche, denke ich über mich selbst nach.
Fernsehen und Bücher haben ihren Teil daran, wie ich großgeworden bin, und damit auch an meiner Weltsicht. Ich ordne Dinge in dramaturgische Schemen, die unsere Zeit vorgibt. Die Antwort auf den Sinn des (eigenen wie allgemeinen) Lebens, sofern so etwas existiert, die andere in Religion oder Naturwissenschaft suchen, bemühe ich (wenn ich derartiges nicht gerade generell verneine) mit der Logik der Unterhaltungsbranche zu lösen. Die Erde als periodische Veröffentlichung auf dem Ramschtisch oder im Vorabendprogramm. Welche Rolle habe ich in diesem kleinen Spiel?
Eine wichtige ist es sicher nicht, nicht einmal in meinem eigenen Leben. Ich bin eher stiller Beobachter als Akteur, nicht weit von Statistentum entfernt. Dafür wiederum bin ich dann aber auch zu tiefgreifend gestaltet; etwas einfacheres reichte für den Zweck aus.
Ich sehe mein Leben, ich sehe meinen Verfall. Brachliegendes und vergehendes geistiges Potential; körperlicher Niedergang. Unterordnung bis zur Selbstschädigung. Unterdrückte, brennende Wut; mentale Instabilität, die von außen selten wahrzunehmen ist. Der sukzessive Rückzug von allen, denen ich wichtig war, zunehmendes allgemeines Abkapseln von dieser Welt. Schleichender Wahn.
Das einzige, was zu passen scheint, ist die Figur des retrospektiv betrachteten, tragischen Schurken, der sich auf einen, fulminanten Auftritt beschränkt. Vor einer Woche bin ich, ich glaube zum zweiten mal in meinem Leben, im direkten Gespräch als boshaft bezeichnet worden, diesmal von jemandem, der mich zumindest ein wenig kennen könnte. Eigentlich nichts, das ich bestätigen möchte, aber vielleicht bin ich voreingenommen.
Sofern die dramaturgische Person paßt, etwas, das in Heldenepen und Katastrophendramen unvermeidlich ist, könnte ich mich bereits in einem späteren Stadium aufhalten, in dem nur noch der Anlaß fehlt. Ebenso ist es natürlich möglich, vielleicht wahrscheinlicher, daß ich nur dabei bin, in die Sinnlosigkeit eines durch mich ruinierten Daseins noch irgendetwas hineinzuinterpretieren, das mir ein wenig Wichtigkeit zugesteht. Mag sein, daß dieses Gesülze nur Selbstmitleid und leise Machtphantasie darstellt.
Brauche noch mehr Zeit zum Nachdenken. Alle Tage wieder Sehnsucht nach der Zeit, als ich noch etwas hatte, das die Bezeichnung Leben verdient, und der Wunsch danach, daß die Misere, die an dessen Stelle getreten ist, aufhört. Ruhe. Schlaf. Hab das Telefon gezogen. Happy Birthday sagt man wohl.
6.3.12 00:02


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