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Wegschließen auf norwegisch

"Lebenslang wegschließen" lautet die allgemeine Rechtsphilosophie auf der rechten Seite des politischen Spektrums, gerade bei Gewalttaten (mitunter werden noch zusätzlich körperliche Strafen gefordert). Über die plumpe Parolenhaftigkeit brauchen wir hier nicht zu diskutieren, ebensowenig über die negativen Folgen für Individuum und Gesellschaft.
In Norwegen wurde nun (und das wird das letzte mal sein, daß ich dieses Thema hier erwähne) dem Massenmörder dieses Sommers die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen, was anstelle einer Haftstrafe zu einer psychiatrischen Einweisung führen wird. Die deutsche Gossenjournaille tobt erwartungsgemäß.

Wer bereits einmal eine Psychiatrie von innen gesehen hat, was bei einer steigenden Zahl von Menschen der Fall zu sein scheint, und bei mir, wie in einem der ersten Beiträge erwähnt, über mehrere Monate der Fall war, weiß, daß die offenen Bereiche (in denen ich glücklicherweise zumeist untergebracht war) in besseren Kliniken noch einen gewissen Charme haben, aber doch vieles an deutlichen Einschränkungen bieten, während die geschlossenen bereits gefängnisähnlichen Charakter aufweisen. Die forensischen Abteilungen ziehen dieses Maß dann nochmals an.
Tagesabläufe, persönliche Besitzrechte, Freigänge; nehmt, was ihr wollt, die Regelungen sind mindestens ebenso scharf wie in Haftanstalten. Zusätzlich kommt noch eine Medikation, die im Zweifel eher großzügiger gestaltet wird und häufig auch experimentellen Charakter hat (sei es, daß auf gut Glück ein Wirkstoff probiert wird, sei es wörtlich, daß hin und wieder und rechtswidrig Studien mit noch nicht freigegebenen Mitteln durchgeführt werden). Der Kontakt von außen wird strengstens kontrolliert.
Diejenigen, die schon einmal mit Psychiatern zu tun hatten, wissen auch, daß das Interesse dieser Zunft an den Patienten sich arg in Grenzen hält, ebenso die Rücksicht auf diese. Das (chronisch unterbezahlte) Pflegepersonal wiederum, das auf normalen Stationen sozialen Ausgleich und Ansprechpartner darstellt, wird in der Forensik mit Sicherheit auch nicht in erster Linie nach Sozialkompetenz gewählt.
Was die Aufenthaltsdauer angeht, die bei Gefängnissen durch das richterliche Urteil bestimmt ist, liegt es im Bereich der Haftpsychiatrie im Ermessen der Ärzte. Wer denkt, daß das dadurch schneller geht, täuscht sich. Im Schnitt dauert eine forensische Einweisung anderthalb mal so lang an wie eine vergleichbare Haftstrafe.
Das ist nicht besser als Knast, das ist schlimmer.

Ich weiß nicht, ob es Staatsanwaltschaft oder Verteidigung war, die die Prüfung des Geisteszustandes veranlaßt hat, aber erstere kann sich beglückwünschen. Besser hätte es für sie nicht kommen können. Der Attentäter wird eingeliefert und kommt sein Leben lang nicht mehr raus, und seine nordischen Kumpels ebensowenig rein. Er gilt als geisteskrank, und spätestens einen Monat nach Einweisung ist er so zugepumpt, daß aus einem hinter Gittern verfaßten Roman definitiv nichts mehr wird, und aus einem Helden- und Märtyrerkult erst recht nicht. Wenn es noch zu einer verständlichen Sprechweise reicht, hat er es gut getroffen. Das alles wäre bei einer normalen Haft auf keinen Fall so möglich gewesen.

Die Rechte psychiatrischer Patienten sind international noch dramatisch unterentwickelt, viel weiter als bei den Tollhäusern und Irrentürmen sind wir nicht. In der Forensik erst recht nicht. In diesem Fall kommt es uns mal zugute. Und trotzdem kriegen sich die Stammtischhetzer mal wieder nicht ein. Denen kann mans auch nicht rechtmachen.

Es ist sehr beunruhigend, sich den Film "Einer flog über's Kuckucksnest" anzusehen, und nicht zu verstehen, was daran nun so schockierend sein soll, da es (von der Methode der Lobotomie abgesehen) wie ganz normaler Klinikalltag auf einer halboffenen Station wirkt.
30.11.11 21:15
 


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